Bert Olsons Blog

 

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Dezember Dezember

Wieder einmal ist das Jahr fast vorbei. Die Nächte sind dunkel und lang. Der Tag ist eine bessere Dämmerung. Was sagt uns das? Ja, richtig, der Tag des Tannenbaumes und der Jahresendfiguren ist gekommen. Seit Monaten schon kann man in den Supermärkten Weihnachtgbebäck, Schokoladenhohlfiguren und Stollen kaufen. Etliche eher unbedarfte Zeitgenosse haben sich insgeheim beim Gedanken, wann ist endlich Ostern?, schon ertappt.

In unseren Fußgängerzonen, auf den Marktplätzen sind überall Buden und Gühweinstände aufgebaut. Zwischen Ihnen treiben sich weißbärtige Männer in roten Anzügen umher und erschrecken kleine Kinder. Ganz abbrühte machen sich in die Mütter oder oder lieber gleich attraktive Singles ran. Homosexuelle Weihnachtsmänner sind selten, sie haben ihre Schutzbiotope in Köln, Berlin, Hamburg und in anderen einschlägigen Großstädten und Locoations. Die sogenannten Erwachsenen lassen sich mit Weihnachtsmusik von der CD zudröhnen und sprechen dem lauwarmen überteuerten Glühwein ausgiebig zu. Das nennt man in Deutschland Adventszeit und die ist so wunderbar gemütlich und schön. Manch Ausländer wird sich fragen, was denn so schön daran ist, an einer zugigen Ecke bei 10° und ganz leichtem Nieselregen warmen, kaum gewürzten schlechten Rotwein zu trinken. Aber wenn er das dritte Glas intus hat, dann findet er das auch ganz toll.

Die Adventszeit in Deutschland treibt die weibliche Hälfte der Bevölkerung überwiegende in den Dekorationswahnsinn. Für viel Geld wird jede Menge Tand und Glitzerwerk erworben um die Wohnung weihnachtlich zu schmücken. Schlaue Ehemänner, Lebensabschnittsbegleiter oder Lover wissen, dass jeder Widerstand absolut zwecklos ist und mit einem sofortigen verschärften Beziehungsgespräch geahndet wird. Ganz clevere Männer schaffen es zum Ausgleich ein paar leckere Süßigkeiten zu bekommen. Auf der anderen Seite dürfen sie aber nicht zuviel essen, denn sonst heißt es gleich wieder: du wirst immer fetter. So taumelt ganz Deutschland dem Weihnachtsfest entgegen.

Die diversen Weihnachtsfeiern in den Firmen und den Vereinen pendeln zwischen mittelschwerer Orgie oder Deutschland sucht die superpeinlich Party, bei der man nach 15 Minuten überlegt, wann und wie man sich verdrücken kann. Ziemlich eindeutig ist, dass viele eigentlich gern eine Orgie feiern würden, wo man vielleicht endlich mal die knackige Dunkelhaarige aus dem Einkauf vernaschen kann oder die Controllerin diesen jungen durchtrainierten Typen, der neu im Verkauf ist, mal auf die Matte legt und sich so richtig vom ihm verwöhnen lässt. Da die Deutschen aber dazu neigen mehr zu Denken und weniger zu Handel. spielt sich vieles nur im Reich der Phantasie ab und Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ich wünsche allen ein sehr besinnliche Adventszeit und bis Sylvester keine Gewichtszunahme.

8.12.08 11:12


Hardboiled Leben

Die Welt ist schon lange kein Streichelzoo mehr. Die bigotte Moral der Gutmenschen mit ihren ständig skandalisierenden lügenden Medien beherrscht die Gesellschaft. Die Realität, die Tatsachen des Lebens werden ausblendet und die breite Masse wird mit Neusprech und Multi-Kulti-Lügen permanent bombadiert. Voll-Kasko-Leben in einer Voll-Kasko-Welt, alle haben Rechte, keiner hat Pflichten und Schuld sind stets die anderen oder die Gesellschaft.

 

Nur die Gesellschaft lässt sich nicht verbiegen. Die Realität des Lebens kannst Du an jeder Straßenecke einatmen. Recht und Gesetz ist teilweise nur noch ein Witz. Wer reich genug ist oder der richtigen Minderheit angehört, der kann fast machen was er will. Der darf sich den Bauch mit Kaviar und Champagner vollschlagen und seine Angestellten auf Diät setzen. Besser, er plündert gleich seine Firma aus und verkauft sie an einen Blödmann, der eh nichts merkt. Oder du gehörst zu einer armen ethnischen oder politischen Minderheit, dann bläst dir die Politik Geld in den Arsch und bei Gesetzesverstößen ist man auch ganz tolerant. Immer gut macht sich ’ne schlechte Jugend, da gibt es ein kräftiges „DuDu“ vom Jugendrichter und wenn wirklich einmal jemand dabei drauf geht, dann kommst du mit zwei bis fünf Jahren billig davon. Die gehen schnell rum, denn nach 2/3 der Haftzeit kann man auf Bewährung freikommen. Die Bullen? Ach, die schauen lieber weg, wollen keinen Ärger und wenn, Schneid haben die seit Jahren nicht mehr, es könnte ja einen armen Kriminellen, einem Opfer der Gesellschaft, etwas zu stoßen, dann ist nämlich ihre Karriere erstmal im Eimer.

 

Das ist die Realität:

Eine reiche Finanzelite füllt sich die Taschen oder verschleudert das Vermögen an dubiose Potentaten. Eine Kaste von Bonzen, Interessenvertretern und Berufsbetroffenen schiebt sich die Staatspfründe und -knete zu.

 

Die wahren Kriminellen dieser Gesellschaft sind jetzt die Raucher, die sich in einer Eckkneipe ne Lulle anstecken oder so paar Verrückte, die sich trauen mal ganz politicial uncorrect die Wahrheit auszusprechen. Als Rechte oder Neokonservative werden sie von der linken Meinungspresse sofort verunglimpft und zusammengefaltet.

 

Der Staat maßt sich alles an und kassiert dich mehr ab, als ein Zuhälter seine Nutte. Wo das ganze Geld bleibt? Nichts Genaues weiß man nicht. Fakt ist, die Straßen und Schulen vergammeln, es gibt nicht genug Lehrer und die Parkraumüberwachtung ist besser als jedes Jugendamt organisiert.

 

Das ist das Land in dem du lebst. Wenn du ein junger Kerl bist, kannste auch, wenn du doof genug bist, deine Knochen am Horn von Afrika oder in Afghanistan hinhalten. Die Politiker, die dich da hinschicken, haben selbst meist den Wehrdienst verweigert oder vermieden, ihre Kinder natürlich auch, das sind nämlich clevere Pazifisten.

 

Für die Bosse bist du ein Kostenfaktor, denn im Osten oder Asien arbeiten die Menschen für ein Appel und Ei.

Für die Bank bist du ein Blödmann, dem man Kredite oder miese Anlagen andreht.

Für den Handel bist du der Ochse, der gefälligst jeden Scheiß kaufen soll, nur weil’s ein angebliches Sonderangebot ist.

Für deine Frau und ihrer besten Freundin bist du der Schuft, der ihre Gefühle ausbeutet. Nur weil du keine Beziehungsgespräche führen magst.

Für deine Geliebte, bist du der der Big Spender, solange du mit der Kreditkarte noch den Dicken vor ihr machen kannst.

Für alle bist du der Versager, wenn du das machst, was gemacht werden muss, es aber leider schief geht. Also, willkommen im Leben.

24.11.08 16:27


Die Bar

Die Blaue Stunde
Diese Bars, so kurz nachdem sie aufgemacht haben für den Abend – da fühle ich mich richtig wohl. Wenn die Luft drinnen noch kühl ist und rein und alles glänzt und der Barmann seinen letzten Blick in den Spiegel wirft, um zu sehen, ob seine Krawatte auch grade sitzt und sein Haar schön glatt. Ich mag die sauberen Flaschenreihen auf dem Regal hinter der Theke und die blitzblanken Gläser und die ganze Erwartung, die darüber liegt. Ich sehe dem Mann gern zu, wie er den ersten des Abends mixt und ihn auf einen frischen Untersatz stellt und die kleine gefaltete Serviette daneben lebt. Ich liebe es, den ganz langsam zu kosten. Der erste stille Drink des Abends in einer stillen Bar – das ist etwas Wundervolles.

Der Alkohol
Mit dem Alkohol ist es wie mit der Liebe. Der erste Kuss ist magisch, der zweite vertraut, der dritte schon Routine. Danach zieht man das Mädchen aus.

Der Abend
Aber nach einer Weile werden die ordinären Saufköppe das Lokal überschwemmen, und dann geht das laute Reden los und das Gelächter, und die gottverdammten Weiber fangen an, mit den Händen zu fuchteln und sich die Augen zu verrenken und ihren gottverdammten Armbändern zu klimpern und sich ihren wohlverpackten Charme aufzuschminken, der dann später am Abend ein leichten, aber unverkennbaren Schweißgeruch haben wird.
[…]
Nehmen Sie’s nicht so tragisch. Immerhin sind das doch noch menschliche Züge: Sie schwitzen, sie werden dreckig, sie müssen mal unter die Dusche. Was hätten Sie denn erwartet – goldene Schmetterlinge, die durch rosige Nebel schweben.

Der Abschied
Sie hatten ein großes Stück von mir gekauft, Terry. Für ein Lächeln, ein Nicken, ein Winken der Hand und ein paar stille Drinks hin und wieder in einer stillen Bar. Es war nett, solange es währte. Machen Sie`s gut, Amigo. Groß Abschied nehmen wollen wir nicht. Das haben wir getan, als es etwas bedeutete. Als es ein trauriges, einsames und endgültiges Wort war.

The Long Good-Bye von Raymond Chandler, der Klassiker des Klassikers. In meinen Augen sein bestes Buch. Der äußerlich mit allen Wassern gewaschene, zynische und harte Privatdetektiv Marlowe wird in all seiner Verwundbarkeit gezeigt. Seine Intellektualität und menschliche Integrität in einer unmenschlichen Welt, die nur vom Geld und Macht regiert wird. Es offenbart sich ein Mensch, der für seinen Job eigentlich viel zu sensibel und zu schade ist. Er macht die Sachen, die gemacht werden müssen, weil sie gemacht werden müssen. Dabei vertraut er nur seinem Kompass, seinem inneren moralischen Pflichtgefühl, so bewahrt er sich einen letzten Rest Anstand in er korrupten amoralischen Welt.

Die Geschichte ist ein Hohelied der Treue und Freundschaft. Trotzdem wird alles in ihr verraten oder verkauft. Nur Marlowe läßt seine Werte nicht käuflich werden. Sein Preis ist hoch, weitere Desillusionierung und Einsamkeit."

Ein sehr melancholisches gereiftes Männerbuch; keine strahlenden Sieger, harte oder gescheiterte Existenzen, Frauen und Liebe nicht mehr als flüchtige Momente oder berechnete Gefühle. Der Soundtrack dazu: Charlie Parker oder Miles Davies, der Drink: ein Malt oder Rye, die Jahreszeit: Herbst und Winter.

28.10.08 13:24


Hommage an L.A. und dem langem Abschied

Sonntagnachmittag, grauer Herbstregen auf dem nassen Asphalt
rauschen die Reifen, dicke Tropfen schlagen gegen das Dachfenster.
Das Saxofon von Charlie Parker improvisiert flüchtig, die schnellen
Tempi und komplexen Harmonien fluten nervös durchs Zimmer.
Schwarz, weiß, rote Klänge, große Muster; virtuos, vibrierend mit einem
unruhigen Rhythmus verbunden. In meinem Mug dampft der Kaffee.

Meine Gedanken kreisen.

Einen Freund kannst du um nichts bitten, er kann es dir nicht abschlagen.
Um einen Gefallen oder Almosen bitten, nein das geht. Ein Fremden um
etwas bitten das kann man. Der Fremde kann weitergehen und so tun,
als hätte er nichts gehört.

Du hast ein großes Stück von mir gekauft. Für ein Lächeln, ein Nicken,
ein Winken der Hand und ein paar Drinks hin und wieder in einer stillen Bar.
Es war nett, so lange es währte. Mach es gut – groß Abschied nehmen
wollen wir nicht. Das haben wir getan, als es etwas bedeutete.
Als es ein trauriges, einsames und endgültiges Wort war.

Ich sah wie die Tür sich schloss und lauschte den Schritten, die sich langsam
entfernten, bis sie ganz verstummt waren. Ich lauschte trotzdem weiter
Wozu? Wollte ich vielleicht, das sie stehen blieben sich umdrehten und
zurückkämen, mir das Gefühl ausredeten, das ich hatte? Nun, nichts passierte. Wir haben uns nie wiedergesehen.

Die CD ist zu Ende und ich habe den Kaffee ausgetrunken, es ist kurz nach
drei Uhr nachmittags und die Dämmerung beginnt.

27.10.08 12:35


Der Malteser Falke

 

Die Zeiten sind beschissen, Moral ist was für Priester oder Weltverbesserer. Du weißt nur, am nächsten Ersten musst du deine Miete und die Rate fürs Auto bezahlen, pünktlich, nur das zählt. Klar, du machst nen miesen Job und du hast einen Geschäftspartner, erst das Fressen und dann die Moral.

Das Verhältnis, das du mit seiner Frau hast? Das kommt vor, selbst unter Männern. Solange er nichts merkt, ist es doch gut, oder? Wenn eine Kundin kommt und wenn dann das große Geld lockt, dann machen wir halt alles. Immer ganz legal, außer den kleinen Ausnahmen, die halt so gemacht werden müssen. Nicht wirklich ernstgemeint. Wenn Spaß dabei ist, na die Kundin ist schließlich eine attraktive Frau, dann erst recht. 

Dumm nur wenn es dumm gelaufen ist. Dein Geschäftspartner ist tot, alle denken du warst es. Ja, was macht man dann mit der Geliebten, der Witwe? So eine Affäre kann man schnell beenden, die Liebesschwüre? Na, dann war es das ja wohl gewesen. Irgendwann erwischt es halt jeden, mal früher mal später, Baby war einfach nicht so wie es sein sollte, tut mir leid - ehrlich. Aber die Bullen kann ich nicht noch auch an den Hacken haben.

Du lernst merkwürdige und dubiose Menschen kennen, nen Schwulen, einen koksenden Schmalspur-Revolverheld, einen dicken bösen Mann, einer kratzt sogar in deinem Büro ab. Jeder erzählt dir ne Geschichte. Eine ist krummer als die andere. Jeder lügt, alle betrügen, keinem kann man trauen, denn alle sind alle nur auf ihren Vorteil bedacht. Wollen dich als ihr Werkzeug um es zu bekommen. Lass sie alle reden, handeln und glaube keinem. Das ist das Leben, das ist die Jagd nach dem großen Geld.

Am Ende werden alle verlieren. Der eine das Leben, die andere die Freiheit und wieder andere ihre Hoffnungen. Der Stoff aus dem die Träume sind, Illusionen. Freundschaft, Liebe und Treue, Werte für andere und bessere Menschen sie passen nicht in diese Welt. Du bleibst allein zurück, du lieferst sie aus, denn sie hat dich angelogen.

23.10.08 13:35


Für die Beste

Für die Beste

Morgens mit dir, der erste Becher Kaffee,
was bringt der Tag, was war am Abend noch gewesen;
zwischendurch auf ne Zigarettenlänge,
die Zeit die musste einfach sein;
Mittags, jetzt gehen wir mal raus,
wer suchte wohl meine Bekleidungssachen aus?
Nachmittags, schnell an deine Schublade,
stets gefüllt mit schwarzer Schokolade;
Abends wenn es ruhig wurde,
dann fingen wir erst richtig an.

Seit an Seit, durchs Firmenleben,
eigentlich waren wir ein tolles Gespann;
mein Gedankenblitz, deine Präzision;
mein zu schnell, dein langer Atem;
meine Leidenschaft, deine Kraft;
war ich brillant, dann gingst du auf den Menschen ein.

Für alle außen, waren wir sonderbar,
ein Paar, doch wiederum keins;
wer stand hinten, wer stand vorn,
zusammen standen wir, nur darauf kam es an.
Als Schwestern im Geist griffen wir zu den Waffen.

Heut nach langer verlorener Schlacht,
erinnern uns schmerzende Narben daran;
verloren, getrennt und doch wieder vereint,
gut, wer sich auf dich verlassen kann.

4.9.08 14:16


Orte der Verheißung

Häfen waren immer mehr als ein profaner Ort, der Übergang von Wasser und Land um Schiffe zu löschen oder zu beladen. Häfen sind die Ausgangs- und Endpunkte von Reisen, Orte der Verheißung, Stätten der Gestrandeten und Gräber der Hoffnung. In einem Hafen findest du alles: große und kleine Fische, Zöllner, Schmuggler, geschäftstüchtige Haie, Flittchen und Heilige. Komm in den Hafen, tauche in ihn ein. Sehe die Kaianlagen, rieche das brackige Wasser auf dem manchmal eine in allen Farben des Regenbogens schimmernde dünne Ölschicht liegt. Höre seine Melodie, das heisere Tuckern der Diesel, das Kreischen der Kräne, das Schlagen auf den Werften und Docks, das weit über den Strom hallt, die Signale der Schlepper. Entere ein Schwimmponton, fühle wie es sich im Tidenstrom hebt und senkt und langsam quietschend gegen die Verankerungspfeiler arbeitet. Alles untermalt von dem Schlagen belegter Leinen im Wind, die hell die Beschläge klingen lassen. Schau den Möwen, die in Hamburg alle so aussehen, als ob sie Emma heißen, zu und lass dich von ihren heiseren Schreien verzaubern. Ein Hafen ist ein Ort der Magie, je länger und öfter Du in besuchst, desto geheimnisvoller wird und verbirgt er.

 

Ich kannte den Hamburger Hafen, als Schiffe noch wie richtige Schiffe aussahen und ein Heer von Schauerleuten sie löschten, Tallymänner die Ladung zählten und die Seeleute noch Zeit für einen echten Landgang hatten. Die Besatzung wusste was sie geladen hatte. Die Güter stapelten sich in Kisten, Säcken, Fässern in den Schuppen und Speichern. Fast jedes Colli wurde händisch mit dem Kran oder Gabelstapler bewegt. In den Backsteinspeichern Hamburgs, den stolzen Kaufmannsschlössern aus der der Zeit vor der vorletzten Jahrhundertwende, lagerten die Schätze aus den Tropen: Kaffee, Kakao, Tee, Gewürze, Halbedelsteine, Orientteppiche. In den Hafenbecken und auf dem Strom wimmelte es von flinken Barkassen, kleinen Jollenführern, bauchigen Schuten, wendigen kleinen Hafenschleppern, Festmacher-, Versorgungs- und Versetzbooten. LKWs und Güterwaggons verstopfen vor den Schuppen die Straßen und Geleise; Schwimmkräne lagen längsseits der Frachter erluden Schwergut. Im Strom, an den Duckdalben, lagen Schiffe die Getreide geladen hatten und von Schwimmelevatoren entladen in Hafenschuten wurden.

 

Nachts auf St. Pauli, am Hamburger Berg, da konnte es sein, das dir schwankend der herrlich versoffene Norwegische Maschinist Thore Stoltenberg begegnete. Ein Berg von einem Mann mit harten rauen Händen, wilden Tätowierungen auf dem Oberarm und schüchtern bei jeder Frau. Oder in einem Puff trafst du Peter Jenkins den englischen Bootsmann, der dir nach dem 5 Bier erzählte wie es war als die bloody Germans sein Pott
im Konvoi versenkt hatten und er vier Stunden auf dem Atlantik trieb. Dann hast du ihm ein Bier ausgegeben und alles war wieder gut. Ja, das waren Zeiten, da war der Hafen nicht schick, da gab es keine Designer-Lofts mit Elbblick oder Szene Bar. Da wurde Holsten-Edel oder Astra-Urtyp in den Kneipen in denen die Juke Boxes Schlager dröhnten getrunken und ein anständiger Hamburger ließ sich auf St. Pauli nicht blicken.

 

Jetzt auf den großen Routen von Ostasien nach Europa, oder zur amerikanischen Westküste, von Europa nach Nordamerika wird der Verkehr von den großen Megacarrierer beherrscht. Sie fahren um den halben Erdball auf den Schlagadern des Welthandels nach einem Fahrplan, der fast auf die Stunde getaktet ist. Mit gut 10.000 Container an Bord, 22 - 24 Knoten schnell pflügen sie durch die See. Das war in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Geschwindigkeit von den schnelleren Passagierschiffen. Frachter kamen liefen damals ihre 7 - 14 Knoten. Der hohe Ölpreis macht es möglich, die Containerschiffe fahren mit gut 20 Knoten wieder langsamer, die Treibstoffkosten sind sonst einfach zu hoch. Wenn man annimmt, dass die Fracht in einem Container so 12.000 $ wert ist, dann schwimmen auf so einem Schiff rund 120 Mio. Dollar von Asien nach Europa. Ob in Felixstowe, Le Havre, Antwerpen, Rotterdam oder Hamburg, die Carrier machen nur für wenige Stunden fest, um die bunten Stahlkisten auszuladen oder um Rückfracht zu übernehmen.

 

Der Hafen heute, dass sind die weitläufigen fast menschenleeren Container-Termials, die rund um die Uhr, be- und entladen, währenddessen die Schiffe mit allem Nötigen versorgt werden. Dieses eingespielte Ballet aus Containerbrücken, Van-Carriern, LKW-Aufliegern, Bahnwaggons und den wendigen Küsten-Feedern um jeden Winkel Europas mit Waren mäandernd zu versorgen. Auf riesigen Flächen stapeln sich wohnhaushoch die Container; Wände aus Stahl zwischen denen der Wind pfeift; die nachts grell von den Halogenflutlicht taghell beleuchtet werden und ein einzelner Mensch so verloren wie in einer Wüste wirkt. Die ganz modernen Terminals sind bereits vollautomatisiert. Kein Mensch darf, wenn Container bewegt werden, sie betreten. Nur wenn die Verlademaschine stoppt oder Wartungsarbeiten fällig werden hat der Mensch noch Zutritt.

 

Hannes Kröger, der singende Seemann, den es nur in Käutners Film „Große Freiheit No./“ gegeben hat, ist tot. Heutzutage ist eine Seemannskneipe auf Hamburg St. Pauli so echt wie eine jungfräuliche Nutte und so falsch wie fast jede Platinblondine. Die Seeleute von heute verlassen ihr Schiff kaum noch, denn die paar Stunden im Hafen lassen keine Zeit für einen Landgang. Zeit ist Geld und Hafenzeit ist besonders teuer.

 

Jede Stunde zählt. Wenn ein Lotse an Bord muss, dann steigt einen Hafen vorher ein oder er kommt per Helikopter. Das Schiff zu stoppen dauert zu lange oder könnte den Fahrplan durcheinander bringen. Seefahrtsromantik, wie im Deutschen Schlager, schlechten Filmen und billigen Romanen, hat es nie gegeben, die Arbeit war immer hart und das Leben an Bord war entbehrungsreich und gefährlich.

 

Die Seeleute, sie sind die Getriebenen der Meere. Nein, nicht die Besatzungen der großen Container Carrierer, die gehören großen und angesehenen Reederein wie Hapag Lloyd, Hamburg Süd, Maersk, Neptune Orient Line. Deren Schiffe sind immer fast neuwertig, bestens von de Norske Veritas oder dem Germanischen Lloyd zertifiziert, gewartet und tiptop gepflegt. Es sind sowieso keine Schiffe mehr, es sind schwimmende Kraftwerke, die mit einer Handvoll Männern, manchmal auch einigen Frauen, die Container effizient und schnell transportieren. Es wird auch eine anständige sichere Heuer bezahlt und regelmäßiger Urlaub sorgt für die Möglichkeit eines Lebens an Land.

 

Nein, ich meine die Tramper, die älteren vom Rost angenagten Eimer, die wahren Vagabunden der See, mit ihren zusammen gewürfelten Besatzungen aus allen Ecken der Welt. Wenn Du vor so einem Schiff stehst, dann kannst du mit etwas Geschick sehen, wie oft sich bereits der Name geändert hat. Je doller der Namen, desto schlechter der Zustand des Kahns. Das sind Schiffe, da ist der Kapitän vielleicht ein Deutscher, der Erste Offizier kommt aus der Ukraine, der zweite aus Rumänien und der Chief ist ein Chilene mit einem gefälschten Ingenieurs- und Offizierspatent und eigentlich ist er nur angelernter Elektriker.

 

So ein Offiziers-Patent bekommst Du in fast jedem Hafen für gut tausend Dollar, wenn Du die richtigen Hintermänner kennst. Wo du anheuerst, wirst du sowieso nicht groß nach Papieren befragt. So genau wollen es das Heuerbüro und der Reeder gar nicht wissen. Die Matrosen kommen meist von den Philippinen, ernähren von ihrer ILO-Mindestheuer, wenn sie sie denn bekommen, ganze Großfamilien und sehen ihre Heimat vielleicht nur alle zwei oder drei Jahre.

 

Das Schiff trägt vielleicht die Flagge von Liberia, ein Land, das gezeichnet vom Bürgerkrieg und ohne richtige Regierung ist. Die Reederei hat eine Briefkastenadresse in Nikosia, gemanaged wird das Schiff von einer Servicegesellschaft mit Sitz in Piräus und der Besitzer der Reederei ist eine Offshoregesellschaft, die auf den Cayman Islands registriert ist.

 

Wer ist der wirkliche Eigentümer? Vielleicht ein Treuhänder, der in Andorra residiert oder ein Libanese, der in Gibraltar eine Briefkastenfirma besitzt. Oder ihr Nachbar, den sie immer für einen ordentlichen Kaufmann gehalten haben, in der der ist via dreier Offshore-Firmen der wahre Eigentümer. Das ist die Seefahrt von heute, Schiffe die scheinbar keinem wirklich gehören, mit ausgelutschter auf Verschleiß gefahrener Technik, bei der Draht, Lassoband und Dichtmittel gern benutzte Ersatzteile sind. Schiffe, die in jedes Krisengebiet fahren, weil schon mit einer Passage mehr Geld als der Schiffswert verdient werden. Schiffe, die mit Ihrer Ladung auf See kreuzen und auf eine INMARSAT-Nachricht warten, das den Zielhafen nennt. Schiffe, die ihren Namen häufiger gewechselt haben als Männer ihrer Frauen. Warum findet man für solche Pötte Besatzungen? In jedem Hafen gibt genug Männer, die nichts zu verlieren haben, weil jede Alternative noch schlechter ist. Männer, die keine Fragen stellen, die für eine Chance (die nächste Heuer) zu allem bereit sind. Männer, die kaum noch Wurzeln haben und die von den Jahren auf See gezeichnet sind.

20.10.08 16:25


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